Berichte

Wie riecht morgen? - Multilinguale Erzählungen

 

Workshop II - Geruch und Erinnerung

9.-10.2.2019

 

Am zweiten Worshopwochenende der Reihe „Wie riecht morgen?“, widmen wir uns Gerüchen.

Samstag

Nach ein paar dynamischen Aufwärmspielen und einer Imaginationsreise mit geschlossenen Augen zu fernen duftenden Orten machen wir uns auf nach draußen - Ein Geruchsspaziergang!

Was fällt uns auf, wenn wir uns in den Straßen Prags von unseren Nasen führen lassen? Können wir die Erlebnisse mit anderen der Gruppe teilen, und wenn ja, wie? Können wir Gerüche mit nach drinnen nehmen, oder bis zum nächsten Tag konservieren?

Mit Begeisterung sammeln alle in verschiedenen Schraubgläsern Dinge ein, die sonst eher unbeachtet auf der Straße liegen. Zigarettenstummel, eine „duftende“ leere Colaflasche, ein Blatt. Doch einen Ort mit unglaublichem Duft müssen wir besuchen, das einzusammeln wäre schwierig: Eine Bäckerei um die Ecke, die frisch gebackenes duftendes Brot verkauft.

Nach der Mittagspause trennen wir uns vom Pizzageruch, und reflektieren: Was riecht, was stinkt, was duftet? Was bedeuten Gerüche, rieche ich im Winter gleich viel wie im Sommer? Erstaunt müssen wir feststellen, dass die meisten Gerüche, die wir draußen zu dieser Jahreszeit finden konnten, zur Kategorie „Müll“ gezählt werden könnten.

Was sich durch die Diskussionen und gewählte angeleitete Übungen „wie von selbst“ Stück für Stück zu zeigen scheint: Gerüche sind mit Erinnerungen eng verbunden. Viele Kinder sprechen von Gerüchen von Kleidung oder Essensgerichten, die sie mit Reisen zu fremden Orten, Eltern oder Großeltern verbinden.

Hier eröffnen wir eine Diskussionsrunde zum Thema Bilingualität oder Nationalität jenseits von Klischees, Vorurteilen. Durch Geruchserinnerungen treten Alltagssituationen oder Erlebnisse zum Vorschein, in denen deutsch-tschechische Traditionen und Gemeinsamkeiten feststellbar sind.

Doch jetzt, am Samstagnachmittag, soll es um Parfümherstellung gehen. Wir haben ein paar Tricks, wie Reagenzgläsern und Pipetten benutzt werden können - und es kann losgehen: Orangenschale, Kaffeepulver, Rosenöl oder Käse, unser Tisch ist beladen mit Geruchsquellen. Jedes Kind mischt sein eigenes Parfum, die Stimmung ist konzentriert – oft wird nochmals am Duft gefeilt, es wird diskutiert: „Noch ein bisschen Pfeffer, damit es nicht so süß riecht?“, oder: „Kann ich ein Parfüm machen, dass alle trinken können, aus Orangen?....“. Am Ende fällt uns auf, wie intensiv die Geruchswolke wurde, die über dem Tisch zu schweben scheint, wir müssen lüften und den nächsten Tag besprechen.

Zuletzt bitten wir darum, einen speziellen Geruch zu beschreiben, der für sie persönlich mit einer starken Erinnerung an Deutschland oder verbunden ist. Diese Erinnerungen auf Papier behalten wir für den zweiten Workshoptag, um mit ihnen weiterzuarbeiten. Auch soll jedes Kind einen Gegenstand mitbringen, der einen ganz außergewöhnlichen Duft besitzt.

Sonntag

Zum Aufwachen und Ankommen spielen wir „Ninjas“, ein Reaktionsspiel, bei dem alle wach und reaktionsbereit sein müssen!

Anschließend reflektieren wir den gestrigen Tag, wir machen ein Erinnerungsratespiel und zeigen uns gegenseitig unsere selbstgemachten Parfums. Danach verbringen wir den Vormittag mit Stimm- und Klangarbeit. Können wir mit unserem Körper oder unserer Stimme den Eindruck, den ein Geruch hinterlässt, verstärken? Riechen wir beispielsweise am Glas mit Tannennadeln und Blättern – können wir akustisch „Wald“ als Atmosphäre herstellen? Mit dieser Technik beginnen wir langsam, für den Nachmittag Präsentationsweisen zu sammeln.

Bevor wir in die Pause gehen, hören wir uns noch gemeinsam ein Hörspiel an. Es erinnert an eine kindgerechte Version von „das Parfüm“, der Protagonist ist ein Mensch mit außergewöhnlich starker Riechfähigkeit. Das Hörspiel hilft, noch qualitativ feiner über Gerüche nachzudenken und zu sprechen und wir  diskutieren, wie es wohl wäre übermenschlich gut riechen zu können.

Nach der Mittagspause geht es in Kleingruppenarbeit. Die Kinder müssen jetzt selbstständig und im Team entscheiden, welche Erlebnisse der letzten beiden Tage sie mit ihren Eltern oder Besucher*innen am späten Nachmittag teilen wollen.

Einige Kinder haben ihr Zuhause nach Gerüchen untersucht und einen Gegenstand oder eine Geschichte mitgebracht, die für sie wichtig ist. Es sind Situationen aus dem Waschsalon, Familientreffen oder einem Essen auf einer Gartenterrasse.

Die Leiterinnen stehen als individuelle Coaches zur Verfügung. Gemeinsam mit den Kindern entscheiden wir, wer in kollektiven Kleingruppen, wer individuell als Einzelarbeit und wer eher moderierend mit den Besucherinnen in Verbindung stehen will. Passend zu den Geruchserinnerungen der Kinder lassen sich unterschiedliche Präsentationsweisen finden: ein Kind möchte den Besucherinnen die Augen verbinden, drei Kinder möchten die Gäste um einen Tisch in Form eines Kaffeekränzchens empfangen und wieder andere ziehen es vor, ein Ratespiel zu entwickeln oder einfach ähnlich einer Gallerie, die hergestellten Parfums anzupreisen und zu präsentieren.

Wir stellen fest, dass es fast allen viel einfacher fallen würde, ihre Erinnerungen auf Tschechisch zu präsentieren und stellen uns der Herausforderung: vor Publikum auf Deutsch erzählen.... können wir einfach so drauf los quatschen? Wer schreibt sich ein Skript und für welche Erinnerung müssen wir noch tschechische Wörter ins Deutsche übersetzen, um auch in dieser Sprache frei sich mitteilen zu können? Wir stellen uns vielen Fragen: inwiefern ändere ich meine Erzählung, die Länge meiner Sätze oder meinen Tonfall, wenn ich sie auf Deutsch erzähle?

Abschluss/Präsentation

Um 16h sind alle auf Position: Jede Kleingruppe hat sich einen anderen Raum ausgesucht, und unsere Gäste können im Gebäude umherwandern, und die „Riechstationen“ besuchen:  Es gibt eine Galerie mit Gemälden und Beschreibungen an der Wand, auch Arbeitsblätter und unserer Recherche sind hier ausgestellt.

Daneben gibt es einen Parfümladen: Alle Parfüms in ihren Gläsern sind nun mit ihrer Wirkungsweise, Namen und dem Namen der Hersteller*in betitelt und können bestaunt werden.

Im Anliegenden Raum erwartet die Gäste eher eine theatrale Situation: Mit Objekten, Stimme und kulinarischer Überraschung wird eine kleine Imaginationsreise angeboten. Eine andere Kindergruppe geht ins Extreme: mit verbundenen Augen werden den Besucher*innen stolz Gerüche präsentiert, von denen sie zuvor nicht wussten, dass es sie überhaupt geben würde: Der Geruch eines nassen Pflasters, zum Beispiel! Es gibt eine Vielzahl an Gerüchen, die auf Orten und Personen verweisen, die gar nicht hier sein können: der Opa in Deutschland, Bienen im Garten in Osttschechien oder ein Kuchen nach deutscher Tradition, der nach Zitrone duftet, den nur eine Mutter hier in Prag so gut backen kann.

Abschlusskommentar

An diesem Wochenende haben die Kinder sich über das Medium Geruch mit familiären Situationen und persönlichen deutsch-tschechischen Erinnerungen beschäftigt. Ihnen wurde Leitung und Unterstützung angeboten, um ihre persönlichen Erfahrungen auf eigene Weise zu teilen. Die Präsentation am Ende war eine Bereicherung an Erfahrungen und spezieller Ort für Austausch zwischen bilingualen Eltern und Kindern außerhalb ihrer Familien. Durch das künstlerisch eingesetzte Medium Geruch wurde eine Austauschplattform eröffnet, die ganz am Alltag der Teilnehmenden ansetzt und über primär sinnliches Erleben deutsch-tschechische Beziehungen reflektiert und initiiert.

   

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Workshop I - Wir erzählen euch was!

20.-21.10.2018

SAMSTAG

 
Morgens versammeln wir uns im großen leeren Raum. Es soll um Objekttheater gehen -
wir stehen aber mit leeren Händen im Kreis!? 
 
Mit Stimme und Körper(-bewegung) zu spielen und Aufmerksamkeit für die gemeinsame Anwesenheit im Raum zu Schaffen ist fürs Theatermachen "Material" genug, sodass wir den Vormittag mit spielerischem Aufwärmen und Entdecken verbringen.
Wann setze ich meine Stimme ein, wie werde ich damit beispielsweise zum Tier, zur ErzählerIn?
 
Nachmittags widmen wir uns Objekten: allerdings erstmal nur Zeitungspapier. Jedes Kind hat eine eigene "Insel" im Raum und entwickelt einen persönlichen Zugang zum Material. Manche bauen sich ein Kostüm aus Zeitung, andere ein Flugzeug, ein Feuer, eine Zeltstadt, Verteidigungswaffen, Bälle, Figuren oder abstrakte Welten. Nach dem wir die Diversität der Ergebnisse gemeinsam bestaunt hatten, beginnen wir die Arbeit mit Material in der Gruppe.
 
Wie können wir gemeinsam etwas darstellen? Was möchten wir darstellen? Wir sammeln Themen, die um Erinnerungen an deutsch-tschechische Erlebnisse kreisen: der letzte Urlaub in Deutschland, ein Buch von den Großeltern, etc. ...
 
Am Ende des Tages findet eine Gruppenimprovisation statt; der leere stille Raum vom Morgen hat sich transformiert in ein Meer aus Papier mit lärmenden Gestalten....
 
SONNTAG
 
Am zweiten Tag unseres Workshops begegnen wir uns nicht mehr mit leeren Händen. Alle durften ein oder mehrere persönliche Objekte mitbringen, die sie an ein deutsch-tschechisches Kennenlernen erinnert. Den Geschichten dahinter nähern wir uns zuächst spielerisch: Wir sortieren unsere Gegenstände - 
Welches ist das größte Objekt, welches das hellste, welches das älteste und was bedeutet alt, wenn wir es gerade erst geschenkt bekommen haben?
 
In kleineren Gruppen erzählen wir uns dann genauer unsere Geschichten: An was erinnert uns unser Objekt? Wie verwenden wir es immer und was wäre eine vollkommen abwegige Gebrauchsform? Welches Geräusch kann mein Objekt machen?
 
Als letzte Aktion vor unserem gemeinsamen Mittagessen wenden wir uns noch einmal unserem Material vom Vortag zu. Jedes Kind darf sich aus Zeitungspapier und Klebeband eine Puppe bauen. Von Tierwesen über sprechende Fußbälle bis hin zu Riesen enstehen einzigartige Figuren. Nach dem Mittagessen entdecken wir die spezifischen Eigenschaften unserer Puppe. 
Wie auch unsere Alltagsobjekte haben sie bestimmte Funktionen, bestimmte Eigenarten, für die wir sie besonders mögen und die wir hervorheben wollen. Wie läuft mein Papier-Dinosaurier und wie schläft er? Welche Geschichte könnte meine Puppe haben? Welche Geräusche kann sie machen, wie könnte es klingen wenn sie spricht?
 
Zum Schluss stellt sich natürlich die große Frage: Was sollen wir den Eltern in unserer Abschlusspräsentation zeigen. Zusammen sammeln wir Ideen und würfeln zuvor schon ausprobiertes Material neu zusammen. Alles kann nichts muss. 
 
Wertvoll sind die bereits geteilten Erinnerungen, gegenseitiges Einfühlvermögen (gegenüber Material und Mitmenschen), Zuhören, Neugier. 
Spielerisch haben wir schon drei grundlegende unterschiedliche Ansätze kennengelernt, wie wir figürlich, abstrakt oder persönlich mithilfe von Material Theater machen können.
 
Am Ende entsteht so eine wilde Materialschlacht in der jedes Kind sowohl zeigen kann, was es mit seiner eigenen Puppe entdeckt hat als im freien Spiel in der Gruppe.
 
 
 

 


Kontakt

Věra Kirschner

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